Chronik Haus der Kunst

Chronik Haus der Kunst

Propagandainstrument im Nationalsozialismus, Casino der amerikanischen Militärregierung, international renommiertes Ausstellungsinstitut – das Haus der Kunst hat eine wechselvolle, und ebenso bewegte wie belastete Geschichte.



Kapitel 1: 1931 - 1933

Die Geschichte des Haus der Kunst beginnt mit dem Glaspalast am Alten Botanischen Garten in München. Die moderne Glas-Eisenarchitektur wurde 1853/54 von August von Voit für die erste „Allgemeine Ausstellung deutscher Industrie- und Gewerbeerzeugnisse “ errichtet. 1858 richtete man hier die „Erste deutsche allgemeine und historische Kunstausstellung“ aus, 1869 die „I. Internationale Kunstausstellung“. Seit 1889 wurden im Glaspalast fast nur noch Kunstausstellungen gezeigt. Hier fanden die Jahresausstellungen der Münchner Künstlerverbände statt - Verkaufsschauen mit bis zu 3.000 Exponaten. 

Der Glaspalast entwickelte sich zum größten Ausstellungsforum in München und zu einem bedeutenden Ort des Kunsthandels. Als das Gebäude in der Nacht zum 6. Juni 1931 durch einen Brand zerstört wurde, ging ein Kapitel Münchner Ausstellungsgeschichte zu Ende; die Brandursache konnte nie eindeutig geklärt werden. Noch im selben Jahr begannen die Planungen für ein neues Ausstellungsgebäude. Das Bayerische Kultusministerium setzte als Architekten Adolf Abel von der Technischen Hochschule durch. Abels Entwürfe eines funktional orientierten Neubaus aus Eisenbeton standen Anfang 1933 kurz vor der Ausführung. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten brachte dieses Projekt schließlich zu Fall.


Kapitel 2: 1933 - 1937

Adolf Hitler verlegte den Bauplatz vom Alten Botanischen Garten an den Südrand des Englischen Gartens. Er beauftragte den Architekten Paul Ludwig Troost mit dem Bau des „Hauses der Deutschen Kunst“, des ersten architektonischen Vorzeigeprojekts der NS-Propaganda. Troost war bis dahin vor allem durch seine Ausstattungen der Luxusdampfer des Norddeutschen Lloyds bekannt geworden. Nach seinem frühen Tod im Januar 1934 wurde er zum „ersten Baumeister des Führers“ verklärt. Seine Witwe Gerdy Troost und sein engster Mitarbeiter Leonhard Gall führten die Arbeiten fort. Troosts neoklassizistischer Kunsttempel mit Anlehnungen an Leo von Klenze und Karl Friedrich Schinkel verbirgt hinter Donaukalkstein eine Stahlskelettkonstruktion und moderne Technik. Spitzenfunktionäre der deutschen Wirtschaft und Industrie trugen hohe Spenden zur Finanzierung des neun Millionen Reichsmark teuren Gebäudes bei. Gegenüber dem „Haus der Deutschen Kunst“ sollte ein „Haus der Deutschen Architektur“ entstehen, das von Leonhard Gall entworfen wurde. Der Bau kam, wie die meisten NS-Großprojekte, jedoch nicht zur Ausführung.

Mit der Grundsteinlegung des „Hauses der Deutschen Kunst“ am 15. Oktober 1933 sollte zugleich der Grundstein zur Erneuerung des deutschen Kunstlebens gesetzt und das nationalsozialistische Deutschland vor den Blicken der Welt als friedliche Kulturnation präsentiert werden. München wurde zur „Hauptstadt der Deutschen Kunst“ erhoben und mit einem historischen Festzug entsprechend gewürdigt. Wie die Grundsteinlegung wurde auch die Eröffnung des „Hauses der Deutschen Kunst“ am 18. Juli 1937 als pompöses Spektakel inszeniert. Man feierte wieder den "Tag der Deutschen Kunst", der nun jährlich begangen werden sollte, 1939 jedoch kriegsbedingt zum letzten Mal stattfand.


Kapitel 3: 1937 - 1945

Nach seiner Eröffnung diente das „Haus der Deutschen Kunst“ der Demonstration nationalsozialistischer Kunstpolitik und wurde zu deren maßgebenden Institution. Die hier jährlich veranstalteten „Großen Deutschen Kunstausstellungen“ galten als wichtigste Werks- und Verkaufsschauen deutscher Kunst. Adolf Hitlers Stimme war bei der Auswahl der Exponate ausschlaggebend; jährlich kaufte er mehrere hundert Arbeiten. an. Ein Teil der Exponate wurde von 1938 bis 1942 auch auf den Biennalen in Venedig einer internationalen Öffentlichkeit präsentiert. 

Obwohl die zur Ausstellung zugelassenen Werke nur zu einem geringen Teil offene nationalsozialistische Propaganda zeigten, vermittelten sie ein Wertesystem, in dem sich das Weltbild des nationalsozialistischen Regimes widerspiegelt. Ein Großteil der Werke gehörte der Landschafts- und Genremalerei an. Ab 1939 nahmen Kriegsdarstellungen einen besonderen Stellenwert ein. Die „Großen Deutschen Kunstausstellungen“ verzeichneten jährlich mehrere hunderttausend Besucher. Noch im Februar 1945 ordnete Hitler die Vorbereitungen für eine weitere „Große Deutsche Kunstausstellung“ an.

Parallel zur ersten „Großen Deutschen Kunstausstellung“ eröffnete am 19. Juli 1937 im Galeriegebäude im nahegelegenem Hofgarten die Femeschau „Entartete Kunst“, in der aus öffentlichen Sammlungen beschlagnahmte Werke der Moderne in diffamierender Weise vorgeführt wurden. Künstler wie Max Beckmann, Ernst Ludwig Kirchner und Oskar Schlemmer, die in der Zeit der Weimarer Republik die Avantgarde gebildet hatten, wurden zur Flucht oder in die innere Emigration getrieben. Ihre Werke wurden aus den Sammlungen entfernt, im Ausland verkauft oder sogar verbrannt. Die Ausstellung „Entartete Kunst“ wurde in verschiedenen Städten Deutschlands und Österreichs gezeigt. Allein in München sollen die Femeschau über zwei Millionen Menschen gesehen haben.


Kapitel 4: 1945 - 1949

Als die amerikanischen Truppen am 30. April 1945 in München einrückten, fanden sie eine weitgehend zerstörte Stadt vor. Während die meisten Museumsbauten schwer beschädigt waren, war das "Haus der Deutschen Kunst" nahezu intakt geblieben; seit September 1942 schützten Tarnnetze das Gebäude vor Luftangriffen. Da das Gebäude über eine funktionstüchtige Gastronomie und genügend Fläche verfügte, richtete die amerikanische Militärregierung hier einen Officers’ Club mit Restaurant, Tanzsaal und mehreren Shops ein. Auf dem Steinboden der Ausstellungssäle wurde mit Ölfarbe die Markierung für ein Basketball-Feld angebracht.

Von 1946 bis Ende 1948 zeigte die „Bayerische Exportschau“ im Ostflügel Industrie- und Handelsgüter, kunstgewerbliche Produkte und Mode. Auch in Teilen des Westflügels richtete man wieder Ausstellungen aus. Im Januar 1946 waren hier Werke aus den zerstörten Pinakotheken zu sehen, u.a. Dürers „Apostel“ und Altdorfers „Alexanderschlacht“. Im Zusammenhang mit dieser Ausstellung änderte sich die ursprüngliche Benennung „Haus der Deutschen Kunst“ in „Haus der Kunst“. Im Juli 1946 wurde die Ausstellung „Das Jugendbuch“ mit über 4.000 Kinder- und Jugendbüchern aus 14 Ländern gezeigt, die erste internationale Veranstaltung in Nachkriegsdeutschland.

Im September 1949 eröffnete die von Ludwig Grote kuratierte Schau“"Der Blaue Reiter“ mit ehemals verfemten Werken von Wassily Kandinsky, Franz Marc, Paul Klee, u.a. Mit dieser Gedächtnisausstellung, die international große Beachtung fand, sei das ehemalige „Haus der Deutschen Kunst“ entnazifiziert worden, so der damalige Staatssekretär Dieter Sattler in seiner Eröffnungsansprache. . „Der Blaue Reiter“ stand am Beginn einer Reihe von Ausstellungen, mit denen sich das Haus der Kunst der Moderne öffnete. Damit wurde das Haus der Kunst zum Gegenentwurf der Diffamierung der Avantgarde im Dritten Reich.


Kapitel 5: 1949 - 1992

Um den Künstlern wieder selbst die Präsentation und den Verkauf ihrer Werke zu ermöglichen, gründeten nach dem Krieg die neu formierten Künstlerverbände – Secession, Neue Gruppe und Neue Münchener Künstlergenossenschaft – die „Ausstellungsleitung Haus der Kunst München e.V.“(seit 2014: Künstlerverbund im Haus der Kunst München e.V.). Ab 1949 richteten sie dazu jährlich die „Große Kunstausstellung München“ aus. Im selben Jahr feierte der Verein erstmals eines der legendär gewordenen Faschingsfeste, für die die Münchner Künstler selbst die Dekorationen anfertigten und die das Haus der Kunst 25 Jahre lang zur Faschingshochburg werden ließen.

Unter der Leitung von Peter A. Ade, der als Direktor über drei Jahrzehnte die Geschicke des Haus der Kunst mit Renommee und Weitblick prägte, organisierte die Ausstellungsleitung im Ostflügel weit über 100 Ausstellungen in Zusammenarbeit mit internationalen Kunsthistorikern und Kuratoren. In großen Einzelausstellungen widmete man sich Künstlern wie Frank Lloyd Wright, Ernst Ludwig Kirchner, Le Corbusier, Oskar Kokoschka, Vincent van Gogh oder Wassily Kandinsky und Paul Klee. Ein Meilenstein war die Picasso-Retrospektive 1955, in der - erstmalig in Deutschland – „Guernica“ zu sehen war, eine Ikone antifaschistischer und moderner Kunst. Gezeigt wurden zudem internationale Gruppenausstellungen wie zum Beispiel „Brasilianische Künstler“ (1959) und „Art USA Now“ (1963) sowie kulturhistorische Themenschauen von „Kultur und Mode“ (1950) bis zu „Nofretete  – Echnaton“ (1976) und „Tutanchamun“ (1980). Im Rahmen der Ausstellung „Weltkulturen und moderne Kunst“, die aus Anlass der Olympiade 1972 stattfand, errichtete Paolo Nestler auf der Gartenterrasse eigens einen transparenten Anbau.

Den Westflügel nutzten die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen für Wechselausstellungen; von 1980 bis 2000 zog dort die Staatsgalerie moderner Kunst ein. Hier installierte Joseph Beuys 1984 seine berühmte Bodenskulptur „Das Ende des 20. Jahrhunderts“. 


Kapitel 6: 1992 - 2003

1992 wurde das Haus der Kunst in die Rechtsform "Stiftung Haus der Kunst München, gemeinnützige Betriebsgesellschaft mbH" überführt. Bis zu diesem Zeitpunkt war in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert worden, das Gebäude als Relikt des Dritten Reichs abzureißen.

Die Zusage des Unternehmers und Kunstsammlers Josef Schörghuber, das Haus der Kunst mindestens zehn Jahre lang großzügig zu unterstützen, war ein maßgebender Faktor, die kulturelle Institution in München zu erhalten. Neben der Schörghuber Unternehmensgruppe und dem Freistaat Bayern waren die Gesellschaft der Freunde Haus der Kunst München e.V. und die Ausstellungsleitung Große Kunstausstellung im Haus der Kunst e.V.Gründungsgesellschafter. 1993 wurde Christoph Vitali erster Direktor der Stiftung Haus der Kunst. Seine Eröffnungsausstellung „Elan vital. Das Auge des Eros“ stand exemplarisch für ein Programm, das die Kunst der Klassischen Moderne in den Mittelpunkt rückte und zugleich ausgewählte Positionen der Gegenwartskunst berücksichtigte. 

Thematische, epochenübergreifende Schauen wie „Ernste Spiele. Der Geist der Romantik in der deutschen Kunst“ (1995) oder „Die Nacht“ (1998) inszenierte er als sinnliche Erlebnisse. In der 1993/94 in Kooperation mit der Staatsgalerie moderner Kunst kuratierten Ausstellung „Widerstand - Denkbilder für die Zukunft“ bezogen zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler auch Stellung zur nationalsozialistischen Vergangenheit des Hauses.


Kapitel 7: 2003 - heute

Das Engagement für zeitgenössische Positionen wurde von Chris Dercon, von 2003 bis 2011 Direktor des Haus der Kunst, noch stärker betont. Sein Programm stand unter der Prämisse, dass die Architektur eine kongeniale Umgebung für zeitgenössische Kunst darstellt. Diese Überzeugung teilte er mit den Künstlern und Sammlern, die er einlud, im Haus der Kunst auszustellen, wie z.B. Ydessa Hendeles, Bernd und Hilla Becher, Paul McCarthy, Herzog & de Meuron, Christoph Schlingensief und Ai Weiwei.

Mit dem 2003 initiierten Projekt des „Kritischen Rückbaus“ erfuhr die Befragung von Architektur und Erbe eine bewusste Neuorientierung. Bauliche Überformungen im Inneren, die nach dem Krieg als „architektonische Entnazifizierung“ des Gebäudes galten und die Erinnerung an das unliebsame Erbe verdecken sollten, wurden weitgehend rückgängig gemacht - um den Blick auf die Ursprünge des einstigen nationalsozialistischen Kunsttempels freizulegen und eine offene Auseinandersetzung mit dem Raum und seiner Geschichte zu ermöglichen. Seitdem wird die Mittelhalle, von den Nationalsozialisten als „Ehrenhalle“ zur Machtkulisse bestimmt, auch für internationale Kunstprojekte genutzt. Seit 2012 bietet die Mittelhalle Raum für eine neue Serie von Auftragsarbeiten: DER ÖFFENTLICHKEIT - VON DEN FREUNDEN HAUS DER KUNST.

Das Nachdenken über die komplexe Entwicklung, die das Haus der Kunst in seiner heutigen Form hervorgebracht hat, erhält durch Okwui Enwezor, seit Oktober 2011 Direktor des Haus der Kunst, einen neuen Impuls. Mit seinem interdisziplinären und nicht durch geografische, konzeptuelle und kulturelle Grenzen einzuschränkenden Programm schafft das Haus der Kunst einen erweiterten kritischen Kontext, um die Geschichte und die Geschichten der zeitgenössischen Kunst neu zu untersuchen, zu definieren und zu vermitteln. 2016 konnte die Alexander Tutsek-Stiftung als neuer Hauptförderer des Haus der Kunst gewonnen werden. Diese Förderung wird dazu beitragen, dass das Haus der Kunst seinen innovativen Ansatz weiterhin verfolgen und ausbauen kann.

Unter dem Motto „Renovate/Innovate“ befindet sich das Haus der Kunst derzeit in der Planungsphase seines umfassenden Bauvorhabens, das eine Renovierung und Sanierung des 24.000 Quadratmeter großen Gebäudes zum Ziel hat. Die Planung, mit der das international renommierte Architekturbüro David Chipperfield Architects beauftragt wurde, umfasst unter anderem die Integration des Westflügels, wodurch sich die Programmfläche auf ungefähr 8.000 Quadratmeter vergrößern wird. Dies wird neue Perspektiven für das Haus der Kunst eröffnen und die Gelegenheit schaffen, seine regionale, nationale und internationale Attraktivität weiter erhöhen. Mit dem Beginn der Bauarbeiten wird im Jahr 2020 gerechnet.