Mark Leckey, Search Engine, 2008-2011

Summary of Mark Leckey, Search Engine, 2008-2011%

Essay

  • in Deutsch und Englisch

Über diese Beitrag

Die Arbeit "Search Engine" (2008-11) ist Ausdruck von Mark Leckeys Faszination für den Inhalt von Bildern bzw. das Verhältnis von Objekt und Abbild. Seine "Suchmaschine" ermöglicht ihm, beliebig weit in Bilder einzusteigen und diese authentizitätsstiftende Relation zu überprüfen.
Auf einem kleinen Rückprojektionsschirm wird eine digitale Diashow abgespielt. Die Aufnahmen zeigen ein unbelebtes Zimmer, in das durch zwei Fenster auf der rechten Seite Sonnenlicht einfällt. In der Mitte des Raums ruht eine aus Lehm geformte Tierskulptur auf einer Töpferscheibe.

Mit jedem neuen Dia taucht der Blick tiefer in das Bild, und der Bildausschnitt vergrößert sich. Nach und nach rückt ein ovaler Wandspiegel am gegenüberliegenden Ende des Zimmers in den Fokus. Schließlich wird in den Spiegel hineingezoomt; in der Spiegelung wandert der Blick sogar durch die Tür eines Nebenzimmers, an dessen Wand Fotografien aufgehängt sind. Die Vergrößerung von „Search Engine“ endet erst, als eines der Fotos die gesamte Bildfläche ausfüllt. Dann beginnt der Vorgang von neuem und wiederholt sich insgesamt viermal, jeweils mit einer anderen Tierfigur als Ausgangspunkt: zuerst eine Katze, dann ein Hund, eine Ente und zuletzt ein Hase – und  endet immer an der gleichen Stelle im Nebenzimmer. 

Nur die Fotografie an der Wand verändert sich: Die Sequenz mit der Katze führt zur fotografischen Rückenansicht einer Frau mit Dutt; auf den Hund folgt das Abbild eines wirklichen Hundes; die Sequenz mit der Ente endet mit dem Blick auf die Hand des Künstlers, die ein Foto an die Wand hält, auf dem eine Hand zu einem virtuellen Paar von Armen verdoppelt wird. Die letzte Sequenz der Diashow beginnt mit einem Hasen und endet bei der Aufnahme eines Zeppelins. 

Der Ablauf der Vergrößerung selbst bleibt stets der gleiche, sodass der Betrachter erst bei genauem Hinsehen bemerkt, dass sich die Ausgangssituation jedes Mal leicht verändert. Und obwohl sich die Anfangs- und Schlussbilder der vier Sequenzen jeweils zu bedingen scheinen, wird keine direkte Relation ersichtlich.

"Search Engine" ist eine explizite visuelle Anlehnung an eine Szene des Sciencefiction-Films "Blade Runner" (USA, 1982). Darin lässt der Protagonist Deckard mit einer Spezialmaschine ein Beweisfoto vergrößern, um einen Replikanten zu enttarnen. Deckards Analysemaschine ist in der Lage, das Motiv so stark zu vergrößern, dass er durch einen runden Spiegel im Bildhintergrund bis in die Ecke des abgebildeten Raums blicken kann, die vorher nicht zu erkennen gewesen war. Und dort liegt eine Frau – eine Replikantin –, die Deckard durch das Foto identifiziert, um sie dann aufzusuchen und auszuschalten. "Blade Runner" manifestiert damit den Traum technologiegestützten Sehens – das Foto dient als unendlich genaues Abbild der Wirklichkeit, ähnlich dem, wie Mark Leckey es in "Search Engine" inszeniert. 

Dabei geht es, so Leckey, um die "ultimative voyeuristische Maschine". Es findet also eine Vertiefung ins Bild statt, die – vergleichbar mit "Made in 'Eaven" (2004) – die  grundlegende Frage nach Bild und Abbild, Wahrheit und Fiktion stellt. Gleich auf mehreren Ebenen beschäftigt sich der Künstler in "Search Engine" mit Objekten und deren Reproduktion. Neben Gegenüberstellungen wie dem aus Lehm geformtem Hund mit der Fotografie eines echten Hundes – also zwei Arten des Abbildes – spielt auch das Setting der Aufnahmen mit dieser Spannung: Bei dem Raum handelt es sich um Leckeys damaliges Atelier in der Windmill Street in London, das auch aus anderen Werken bekannt ist. Allerdings sieht man hier nicht das reale Appartement: Um den Zoom zu imitieren, hatte Leckey ein Modell des Raums gebaut. Bei der "Search Engine"-Projektion handelt es sich also um das fotografische Abbild des Atelierraums, der selbst wiederum nur eine detailgetreue Nachbildung des tatsächlichen Appartements ist. Die darin präsentierten Lehmfiguren sind wiederum Nachformungen von Tieren, ähnlich den Fotos am Ende der Zooms, bei denen es sich um nicht-plastische Abbildungen vermeintlich realer Gegenstände handelt – genauer gesagt deren Spiegelbild. Sie sind Bild im Bild im Bild.

Während das analysierte Foto bei "Blade Runner" als wahrhaftiger Realitäts-Beleg dient, ist das Ergebnis von Mark Leckeys Zoom in "Search Engine" die Realität der Manipulierbarkeit von Bildern. Dabei beschäftigt sich die Arbeit mit der Frage, inwieweit Repliken – seien es tatsächliche oder virtuelle – uns beeinflussen, vielleicht sogar mehr, als es ein "Original" könnte. Denn das Wirkliche liegt ebenso in der physischen Realität der Objekte, wie in dem, was wir auf sie projizieren – also in sämtlichen Fantasien, Begehrlichkeiten und Erinnerungen, die damit in Verbindung gebracht werden. Auch wenn das "echte Ding" zumindest teilweise für Authentizität und Wahrheit steht, blickt Leckey voller Faszination auf dessen Gegenteil: auf die Kopien,  Uneigentlichkeiten, Fakes und das "Als ob". Denn das Reale und seine Simulation sind bei Leckey eng miteinander verflochten.


Verwandte Ausstellung:

Mark Leckey: Trailer for On Pleasure Bent, 2013 (Filmstandbild),HD video, (Farbe, Ton), 1:47 min Courtesy of the artist and Gavin Brown’s enterprise, New York; Galerie Buchholz, Berlin/Köln; und Cabinet Gallery, London
Mark Leckey: Als ob

Ausstellung, 30.01.15 — 31.05.15