Courtesy of Johnson Publishing Company. All rights reserved
Kontext

the only negro at the party. Eine Elegie in vier Akten

Geschrieben von Jessica Lauren Elizabeth Taylor,

Die Autorin und Filmemacherin Jessica Taylor wurde vom Künstler Theaster Gates eingeladen, einen literarischen Text zu seiner Installation "Black Chapel" im Haus der Kunst zu schreiben.

Statement der Autorin:

Als erstes habe ich Theaster Gates gefragt, wie er immer weiter für die Schönheit plädieren kann, in einer Welt, die so voller Hass ist. Wenn man im Haus der Kunst in der Mittelhalle steht, ist es unmöglich, das Gewicht der Geschichte nicht auf seinen Schultern lasten zu fühlen; und wenn der Druck hinzukommt, Theaster an seinem Eröffnungswochenende als Schriftstellerin zu begleiten, steigt die Spannung noch weiter. Vielleicht sah er das verzweifelte Aufbegehren in meinen Augen, als er antwortete, dass die Entscheidung, dieses Museum nicht niederzureißen, ein Akt deutscher Widerstandskraft sei. Er sagte, dass man "gutes Mojo erzeugen kann, wenn man große Geschichten Deutschlands mit großen schwarzen Geschichten gleichsetzt". Diesen Geist konnte ich damals nicht einfangen, aber als ich dann den Black Monks bei der Probe zuhörte, deren Stimmen die Texte verschiedener Gospelsongs vermischten – “Master, hear my Servant’s Prayer” mit “Be my Friend" – gelang es mir doch. Ich fing den Geist ein, als ich die gestapelten afrikanischen Masken sah, eine Mischung aus authentischen Kunstwerken und Touristennippes, die mich zu der Frage führten, wer Legitimität definiert. Ich fing den Geist ein, als ich die Aufnahmen von Jesse Owens' legendärem Sieg in Berlin dem Film “The Secret of Selling the Negro” von 1954, den die Johnson Publishing Company finanziert hatte, gegenübergestellt sah. Diese Geister, die ich einfing, haben mich zu einer Elegie inspiriert, die die Toten befreien soll, die in den Mauern des Museums liegen, auf den Straßen von München und in uns selbst.

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the only negro at the party.
Eine Elegie in vier Akten

i.

Ganz ehrlich, Mann

früher habe ich dich geliebt

du warst so gut, bis du's nicht mehr warst

aber das ist nicht für dich

ii.

Sie schaut in den Spiegel, benutzt überflüssigerweise noch einmal ihr Asthmaspray und steuert auf den Ausgang zu. Mit der Hand am verschnörkelten Messingtürknauf denkt sie an das Schicksal, das sie auf der anderen Seite erwartet, und entscheidet sich dagegen. Betrügerin vielleicht. Feigling sicher. Aber definitiv kein Scharlatan. 180-Grad-Wendung zurück in die Kabine und der Druck zu spielen, zu bescheißen, zu swingen hängt an ihrem Hals wie zwei steinerne Säulen. Wann ist das passiert? Und wie lange soll das noch gehen? Das gezwungene Lächeln, das selbstgefällige Rückentätscheln, Hände auf Schenkeln. Panisch, verschwitzt, mit blühendem Ekzem fühlt sie, wie die Stückchen aus der Kürbissuppe in ihrem Hals nach oben drängen. Geh da wieder raus.

iii.

Sitz 1: Bist du eine Sängerin?
Sitz 2: Nein
Chor: Und die Posaune erklingt.
Sitz 1: Eine Tänzerin?
Sitz 2: (zögert) Nein.
Sitz 1: Ich dachte, du bist aus Westafrika.
Sitz 2: ...
Chor: Es ist zu laut.

iv.

Das Auktionspodest
Ehrgeizige Körper suchen nach einer vorübergehenden Heimat an einem Ort, wo Akzeptanz bedeutet, seinen Wert zu Markte zu tragen, seine Würde zu versteigern, seinen Arsch zu verkaufen, auf dem schönsten Marmorboden, den man je gesehen hat. Ausverkauf ist teuer. Und trotzdem jagen wir noch immer einem Traum nach, den unsere Tanten vertagt, den unsere Omas ignoriert haben. Es ist lehrreich, die Fackel zu tragen, bis sie ein glimmendes Streichholz ist. Wenn wir das Rennen nicht machen, wer sonst soll es tun? Sag ihnen, dir geht's nicht gut. Sag ihnen, du bist zu müde. Rede ihnen ein, dass sie ihre Namen opfern müssen, wenn du ihre Trophäe werden sollst. Besonders die Namen ihrer Kinder. Aber um die geht es nicht.

v.

Am Ende des Morgengrauens
zerstöre ich die Simulation
entlasse die Puppenspieler
stehe in den schönen Ruinen
meines Blutes.

Am Ende des Morgengrauens
der Körper zerstört
die Seele intakt
klammere ich an einer verkohlten Komposition
Asche an den Wänden.

Am Ende des Morgengrauens
treffen die Gegenkräfte zusammen
Widerstand und Gewalt
in choreographiertem Chaos
in einer vulgären Orgie, zum Tanzen.

Am Ende des Morgengrauens
kehre ich zurück in ein Land, das mich nicht will
aber braucht,
in ein Land, das sich nicht für mich zuständig fühlt, aber ich bleibe trotzdem.

Jessica Lauren Elizabeth Taylor (geb. 1984, Florida, USA) ist Autorin und Filmemacherin und lebt zur Zeit in Berlin. Der Künstler Theaster Gates hat sie als Writer in Residence eingeladen, einen literarischen Text zu seiner Installation "Black Chapel" im Haus der Kunst zu verfassen. Mehr über ihre Arbeit: thejessicastudy.com