Kontext

Vorschau Ausstellungsprogramm 2020

Geschrieben von Haus der Kunst,

Alle Ausstellungen im Zeitraum Januar bis Juli 2020 im Überblick. Jetzt schon mehr erfahren über das Ausstellungsjahr im Haus der Kunst...

Kapsel 11: Sung Tieu. Zugzwang
31.01 — 28.06.20

Sung Tieu, Loveless, 2019 “Loveless” installation view at Piper Keys, London, 2019 Courtesy: the artist and Piper Keys Photo: Mark Blower
Sung Tieu, Loveless, 2019 “Loveless” installation view at Piper Keys, London, 2019 Courtesy: the artist and Piper Keys Photo: Mark Blower

Die deutsch-vietnamesische Künstlerin Sung Tieu (geb. 1987 in Hai Duong, Vietnam) schafft eine aus Klang, Dokumenten, Skulpturen, Erinnerungsstücken und objets trouvés bestehende Rauminstallation. Dabei legt sie offen, wie Regierungen führender Industrienationen das Prinzip „form follows function“ pervertiert haben, um zivilen Ungehorsam gegenüber dem bürokratischen Apparat noch vor seiner Entstehung zu verhindern.

Kapsel 12: Monira Al Qadiri. Holy Quarter
31.01 — 28.06.20

Rub al Khali Released 20/05/2016 10:00 am Copyright Contains modified Copernicus Sentinel data [2016], processed by ESA, CC BY-SA 3.0 IGO Photo: ESA
Rub al Khali Released 20/05/2016 10:00 am Copyright Contains modified Copernicus Sentinel data [2016], processed by ESA, CC BY-SA 3.0 IGO Photo: ESA

Die Arbeit von Monira Al Qadiri (geb. 1983 in Dakar, Senegal) nimmt in den Bildenden Künsten die Rolle eines Seismografen für eine zwangsglobalisierte Welt ein. Den virtuosen Film „Holy Quarter“ hat Al Qadiri in der weltweit größten Wüstenregion „Empty Quarter“ zwischen Saudi-Arabien, Oman und Jemen gedreht, u.a. in der mythenumwobenen Majlis Al Jin Höhle, auch „Treffpunkt der Geister“ genannt. Jenseits westlicher Vorstellungen von Modernität konfrontiert sie den Betrachter mit einem raumzeitlichen Delirium. Die Wüste als einer der ältesten und unberührtesten Lebensräume dient als Ort der Spurensuche nach dem Sinn der Existenz.

Brainwashed - Sammlung Goetz im Haus der Kunst
31.01 — 28.06.20

Bjørn Melhus The Oral Thing 2001 1-Kanal-Video (Farbe, Ton) © VG BILD-KUNST Bonn, 2019 Courtesy Sammlung Goetz, München
Bjørn Melhus The Oral Thing 2001 1-Kanal-Video (Farbe, Ton) © VG BILD-KUNST Bonn, 2019 Courtesy Sammlung Goetz, München

„Brainwashed“ widmet sich dem popkulturellen Phänomen des Mainstreams, das seinen Höhepunkt in den frühen 2000er-Jahren erreichte. Kennzeichnend für diesen Mainstream waren Medienformate wie Reality-TV, Hollywood-Filmproduktionen mit dem Anspruch ein globales Ereignis zu sein, eine von Selbstoptimierung beherrschte Werbebranche sowie ein mit zahlreichen Musikvideos international forcierter Starkult. Die Ausstellung geht der Frage nach, welche manipulativen Strategien in pluralistischen Gesellschaften einen medialen Gleichklang zu erzeugen vermochten, einen tonangebenden Geschmack in der Kultur, bis hin zur Propagierung von politischen Überzeugungen. Die hier versammelten Künstlerinnen und Künstler legen kommerzielle Bildsprachen, ihre widersprüchlichen Verheißungen, Stereotypen und Klischees, kritisch offen.
Mit Werken von Assume Vivid Astro Focus, A K Dolven, Cheryl Donegan, Ryan Gander, Jonathan Horowitz, Bjørn Melhus, Tracey Moffatt & Gary Hillberg, Shana Moulton, Seth Price, Paul Pfeiffer, Pipilotti Rist, Wolfgang Tillmanns und Ryan Trecartin.

Franz Erhard Walther Shifting Perspectives
06.03 — 02.08.20

Franz Erhard Walther Rote Scheibe mit vier Bändern, 1963 Holz, Baumwollstoff mit Bändern Scheibe: 190cm; 1,7cm stark Bänder: 200 x 3,5cm Franz Erhard Walther Foundation © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Franz Erhard Walther Rote Scheibe mit vier Bändern, 1963 Holz, Baumwollstoff mit Bändern Scheibe: 190cm; 1,7cm stark Bänder: 200 x 3,5cm Franz Erhard Walther Foundation © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Franz Erhard Walther (geb. 1939 in Fulda) ist eine Schlüsselfigur der konzeptuellen Abkehr vom Bild in den europäischen Nachkriegsavantgarden und Wegbereiter eines offenen Werkbegriffs. Unter Einbeziehung des Publikums als Akteur und der Verwendung von Ort, Zeit, Raum, Körper oder Sprache zielte er auf eine radikale Erweiterung bildkünstlerischer Mittel, und auf die Revision der Erzählstrategien der Moderne. Die visionäre Tragweite seines künstlerischen Entwurfs wird einer breiten Öffentlichkeit erst heute bewusst, wie die Verleihung des Goldenen Löwen an der Biennale von Venedig 2017 zeigte.

In dem von größter Experimentierfreude geprägten Frühwerk stellte Walther mit Materialprozessen wie der Verwendung von Kaffee, Pflanzenöl oder Sojasoße auf Papier die Stofflichkeit des Bildträgers infrage. Die ersten Wortbilder wie museum, ich bin draußen, SAMMLUNG oder NEW YORK formulierten noch während seiner Ausbildung zum Typografen bereits eine klare Kritik am Kunstsystem. Mit der Aufführung des „1. Werksatzes“ in der Gruppenausstellung “Spaces” im MoMA 1969/70 erlebte das Konzept der Partizipation einen ersten Höhepunkt. Walther rückt das menschliche Maß und den Menschen in den Mittelpunkt seines Schaffens, die Interaktion mit der Umgebung, Architektur und Geschichte. Die Retrospektive zeigt über 250 Arbeiten aus den zentralen Schaffensphasen und den wichtigsten Werkgruppen.

Liberté. Egalité. Beyoncé
19.06 — 04.10.20

LIBERTÉ, ÉGALITÉ, BEYONCÉ, Paris Artist: unknown Photographer: unknown Source: the internet, 2014
LIBERTÉ, ÉGALITÉ, BEYONCÉ, Paris Artist: unknown Photographer: unknown Source: the internet, 2014

2014 verbreitete sich ein in Paris aufgenommenes Foto rasant im Internet: Es zeigte ein Gebäude mit den drei Schlüsselbegriffen der Französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. In die Nischen dieses Gebäudes hatte jemand allerdings auch die Wörter „Liberté, Égalité, Beyoncé“ gesprüht, wobei die Urheberin oder der Urheber anonym blieb. Die Abbildungen der Aktion reisten um die ganze Welt. Jeder, der das Bild teilte, schien in der Sängerin ein Symbol des Widerstands sowie auch einen engen Zusammenhang zwischen Demokratie und Popkultur zu sehen.

Freie Meinungsäußerung und Gleichberechtigung sind global immer noch eine Herausforderung. Aber wie kann man sich dieser Aufgabe mit den Mitteln von Bewegung, Humor und Freude stellen? Gemeinsam ist allen Künstlerinnen und Künstlern einer hier versammelten jüngeren Generation die Überzeugung, dass der menschliche Körper die Fähigkeit besitzt, seinen politischen Charakter mit der Kraft des Ungehorsams zu artikulieren. Tanz, Freude, Feier, Humor und Vergnügen erscheinen als Widerstandsstrategien angesichts aggressiver Versuche, den menschlichen Körper zu kontrollieren.

Michael Armitage
24.07.20 — 03.01.21

Michael Armitage The Chicken Thief (Detail), 2019 © Michael Armitage. Photo © White Cube (Theo Christelis)
Michael Armitage The Chicken Thief (Detail), 2019 © Michael Armitage. Photo © White Cube (Theo Christelis)

Der britisch-kenianische Maler Michael Armitage (geb. 1984 in Nairobi, Kenia) ist binnen kürzester Zeit zu einer der spannendsten jungen malerischen Stimmen der Gegenwartskunst avanciert. Seine Bilder wirken auf das durch die europäische Kunstgeschichte geschulte Auge anziehend und auf fast unheimliche Weise vertraut. Man erkennt in kompositorischen Elementen, Motiven oder Farbkombinationen die Ikonografie von Tizian, Francisco de Goya, Édouard Manet, Paul Gauguin, Vincent Van Gogh oder Egon Schiele wieder. Ebenso bedeutsam sind die Einflüsse von ostafrikanischen Künstlern wie Meek Gichugu, Sane Wadu, Edward Tingatinga oder Jak Katarikawe. Eine besondere Rolle nehmen in seinen Gemälden Tiere, insbesondere Affen, ein. Sie werden zu Sinnbildern für menschliche Eigenschaften.

Der Arbeitsprozess ereignet sich sowohl in Nairobi als auch in London: in Nairobi entstehen Zeichnungen und Vorstudien, die Armitage später in seinem Studio in London zu komplexen Kompositionen weiterentwickelt. So entstehen synkretistische, wirkmächtige Bilder, die alle Aspekte des Menschseins zulassen: Gewalt, Sexualität, Liebe genauso wie Spiritualität und Traumzustände.

Cyrill Lachauer. I am not sea, I am not land - Sammlung Goetz im Haus der Kunst
24.07.20 — 10.01.21

Cyrill Lachauer, Cockaigne, 2020, (Filmstill: Justin), © the artist, Courtesy Sammlung Goetz, Medienkunst, München
Cyrill Lachauer, Cockaigne, 2020, (Filmstill: Justin), © the artist, Courtesy Sammlung Goetz, Medienkunst, München

Cyrill Lachauer (geb. 1979 in Rosenheim) entwickelt seine Projekte auf langen Reisen, bei denen er tief in die lokale Kultur des jeweiligen Ortes eintaucht. Für diese Ausstellung hat er eine neue mehrteilige Installation mit Filmen, Videos, Fotografien und Texten geschaffen. Dabei beschäftigt er sich mit der Idee von Land in den verschiedensten Ausformungen. Denn Land kann Heimat bedeuten und ein nährendes Stück Land sein, es kann aber auch als Idee von Nation zu In- und Exklusion führen. Land kann man besitzen oder mit ihm leben, man kann es wegnehmen, zerstören und anderen den Zugang verwehren.

So begegnen wir in „I am not sea, I am not land“ einem US-Amerikaner, der nach Berlin geflohen ist, um einer langjährigen Gefängnisstrafe zu entgehen, drei Diamantensuchern in Südafrika, einem queeren Parkarbeiter im Yosemite National Park oder dämonischen Ritualen der Raunächte in der Alpenregion. Lachauer bleibt dabei nicht der distanzierte Beobachter hinter der Kamera, sondern stellt, indem er gesellschaftspolitische Themen zu Geschlecht, Identität, sozialer Klasse und Nation aufgreift, auch seine eigene Position in Frage.