Kapsel 11: Sung Tieu. Zugzwang

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Kapsel — Ausstellung, von

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Kapsel 11 präsentiert eine umfangreiche Neuproduktion der deutsch-vietnamesischen Künstlerin Sung Tieu (geb. 1987 in Hai Duong, Vietnam), ihre bislang größte und umfassendste Arbeit.

Unter dem Titel Zugzwang untersucht die multimediale Rauminstallation die psychologischen Auswirkungen von Verwaltungsapparaten und die Politik der daraus resultierenden Design-Ästhetiken. Dabei unterzieht Tieu die modernen Formen bürokratischer Zirkulation und Regulation einer kritischen akustischen und visuellen Untersuchung. Die Inneneinrichtungen von Anwaltskanzleien, Einwanderungsbehörden, Einwohnermeldestellen und modernen Strafvollzugsanstalten zum Ausgangspunkt nehmend, demonstriert Tieu, wie diese Formen der Architektur in die Subjektivität des Einzelnen eingreifen – wie sie all jene, die sich den Regeln dieser Räume nicht fügen, zu kontrollieren suchen und teilweise in die Grauzonen der Legalität treiben. Bestehend aus Klang, Textdrucken, Skulpturen, Zeichnungen, Erinnerungsstücken und objets trouvés, konstituiert diese neue Auftragsarbeit eine bestimmte Denkweise, die sich aus den sich wandelnden politischen und gesellschaftlichen Umgebungen der Künstlerin speist.

Mal intim, dann wieder bombastisch fügt sich eine Mehrkanal-Sound-Installation in diese skulpturale Inszenierung ein: Richard Wagners Ouvertüre Tannhäuser zum Ausgangspunkt nehmend, modifiziert die Klanginstallation die bekannte Melodie durch den Einsatz von Alltagsgeräuschen. Es entsteht eine vielschichtige Tonlandschaft, welche das intendierte Gesamtkunstwerk unterbricht und dessen Quelle verborgen hält. Zudem sind Drucke von manipulierten behördlichen Dokumenten im gesamten Ausstellungsraum platziert. Sie basieren auf anthropologischen Untersuchungen bürokratischer Prozesse und regeln die fiktive Lebensrealität derjenigen Individuen, die diese Dokumente adressieren. Die Installation schafft einen Raum der Instabilität und legt offen, wie Regierungen führender Industrienationen das Prinzip „form follows function“ pervertiert haben, um zivilen Ungehorsam gegen den bürokratischen Apparat noch vor seiner Entstehung zu verhindern.

In Zugzwang, genauso wie in Tieus weiterer künstlerischer Praxis, werden Themen der nationalen Geschichtsschreibung und der transnationalen Migration von Bevölkerungsgruppen offensichtlich, die sich mit den limitierten Wegen der legalen Regulierung und den gewaltigen Verwaltungsapparaten konfrontiert sehen, welche durch den globalen Kapitalismus legitimiert werden.

Der erste Katalog zu Sung Tieus künstlerischer Arbeit erscheint im Haus der Kunst sowie bei Nottingham Contemporary anlässlich ihrer umfangreichen parallel stattfindenden Einzelausstellungen in Deutschland und Großbritannien.

Kuratiert von Damian Lentini


Ausstellung und Katalog werden gefördert durch